„Das Loch im Himmel“ #writingFriday

Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht dieser Blitzeinschlag vor dreißig Jahren gewesen wäre. Als Kind war Kurt ein friedlicher, unscheinbarer Junge. Er spielte am liebsten allein, hinten bei der großen Eiche. Wenn man ihn etwas fragte, antwortete er höflich und zurückhaltend. Er jammerte nie, nicht einmal, wenn es sonntags in die Kirche ging oder er beim Laufen über eine Wurzel stolperte und sich das Knie aufschlug. Kurts Mutter wurde immer gelobt für ihren gut erzogenen, freundlichen Sohn. Wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn es den Blitzeinschlag nicht gegeben hätte?

Eines frühen Abends, Kurts Mutter war gerade in der Stadt, um Brot zu kaufen, saß Kurt allein vor der großen Eiche im Gras. Er streckte die Beine aus, schaute in den Himmel und entdeckte plötzlich etwas. Ein kleines Loch im Himmel, so sah es aus. Und es verschwand so schnell wieder. Nur für ein oder zwei Sekunden war es da und schoss diesen eigenartigen Blitz genau in Kurts Richtung. Er erinnerte sich an einen dumpfen Schmerz in seinem ganzen Körper und daran, wie er mehrere Meter vom Baum wegpurzelte. Kopfschüttelnd stand er auf, er hatte nicht einen Kratzer, das Loch am Himmel war weg – vielleicht war er nur kurz eingeschlafen? Doch irgendwas an ihm war anders. Ein Marienkäfer setzte sich auf seinen Arm und Kurt schlug ihn kurzerhand tot. Über sich selbst erschrocken, schnippte er die Käferleiche weg. Wo kam dieses Verlangen ihn im her?

Von diesem Moment an war der kleine Kurt nur noch äußerlich ein unschuldiger und friedlicher Junge. In ihm drin brodelte es und er konnte nur noch aus vollem Herzen lachen, wenn er anderen Lebewesen Schaden zufügte. Erst waren es nur kleine Käfer, dann Mäuse, Kaninchen und schließlich die Nachbarskatze. Erst mit 24 Jahren traute sich Kurt und brachte seinen ersten Menschen um, es war ein ehemaliger Arbeitskollege von ihm. Kurt stellte sich geschickt an und kam aufgrund seines zuvorkommenden, tadellosen Erscheinungsbilds nie in Verdacht. Als Kurt 36 Jahre alt war, hatte er bereits sieben Menschen getötet. Mal jemanden aus seinem entfernten Umfeld, wie die alte Briefträgerin, mal jemanden Fremden, den er in einer Bar oder in einem Supermarkt kennen lernte. Das Morden lag ihm einfach im Blut. Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht dieser Blitzeinschlag vor dreißig Jahren gewesen wäre.


luna.

Der #WritingFriday ist ein tolles Projekt von readbooksandfallinlove! Jeden Monat gibt es kreative Schreibaufgaben, bei denen jede*r mitmachen kann! Also schaut da unbedingt mal vorbei und lest euch die ganz unterschiedlichen Geschichten durch, die aus einer Aufgabe entstehen können! Ich habe heute einen Text geschrieben, bei dem der erste Satz „Kurt war zum Mörder geboren, könnte man meinen, wenn da nicht“ vorgegeben war. Die anderen Aufgaben und Teilnehmer*innen findet ihr bei Elizzy.

12 Gedanken zu “„Das Loch im Himmel“ #writingFriday

  1. carmensbuecherbistro 3. Juli 2020 / 11:56

    Na wenn das nicht eine nette „friedliche“ Gute-Nacht-Geschichte ist ..
    Ich habe mich heute mit der gleichen Aufgabe befasst und unsere beiden Ansätze könnten unterschiedlicher nicht sein 😀 Ich finde es so spannend und sehr interessant wie sich die Texte der Blogger der gleichen Aufgaben unterschiedlich entwickeln!
    Sonnigen Freitag wünsch ich dir ❤

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    • lebensbetrunken 3. Juli 2020 / 13:54

      Oh ja, du hast recht! Ich finde die unterschiedlichen Auslegungen der Schreibaufgaben auch immer an spannendsten und schönsten!
      Wünsche dir ebenfalls einen sonnigen Freitag! 🙂

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  2. Katharina 3. Juli 2020 / 17:22

    Andere bekommen Superkräfte, nachdem sie getroffen worde, und Kurt wird zum Mörder. Coole Idee. Durch die ruhige Erzählung ist deien Geschichte sehr unheimlich.

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  3. mutigerleben 3. Juli 2020 / 17:48

    Mich graust es.
    Danke Dir für Deine Geschichte; spannend bis zuletzt.
    Ich habe heute die 5 Wörter genommen.
    Liebe Grüße
    Judith

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      • mutigerleben 5. Juli 2020 / 01:11

        Bitte sehr, gern.
        Das freut mcih, wenn du vorbeischaust.
        Schlaf gut,
        Judith

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  4. blaupause7 3. Juli 2020 / 20:39

    nicht zum Mörder geboren, sondern zum Mörder gemacht… interessanter Ansatz, ich hätte es wahrscheinlich anders angepackt, wenn überhaupt.

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    • lebensbetrunken 5. Juli 2020 / 17:38

      Danke dir Helen!
      Und auch danke für die Nominierung! Da mache ich sehr gern mit! Ich werde wohl ein bisschen Zeit brauchen (und dann auch noch auf Englisch), aber ich werde gerne teilnehmen!
      Liebe Grüße,
      Luna

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      • Helen 6. Juli 2020 / 10:04

        Hi Luna,
        ich habe auch schon gesehen, dass Leute auf Deutsch geantwortet haben, ich schreibe gerne mal auf Englisch, aber du kannst es ja einfach machen, wie du Lust hast. 🙂
        Liebe Grüße zurück!

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